Zur Vertiefung: Dimensionen der Nachhaltigkeit


Bei der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro wurde „Nachhaltigkeit“ in der so genannten „Agenda 21“ in ein „Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert“ gegossen.[1] Als Eckpfeiler des Programms lassen sich ausmachen:

  • Ökologische, ökonomische und soziale Faktoren sind gleichrangig zu bewerten und zu berücksichtigen.
  • Nachhaltige Entwicklung ist ein langfristiger Prozess und in konkreten Schritten auf regionaler, nationaler und globaler Ebene zu organisieren.

·         Die „Agenda 21“ konkretisiert das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung in verschiedenen Politik- und Handlungsfeldern und listet eine Vielzahl von Maßnahmen auf.

Insbesondere der erste Aspekt, die gleichrangige Berücksichtigung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Faktoren, eröffnet Interpretationsspielräume. Auch wenn die ökosystemischen Grenzen nie exakt festlegbar sind, so lässt sich hinsichtlich ökologischer Nachhaltigkeit zumindest Konsens darüber erzielen, dass erneuerbare Ressourcen nicht über ihre Regenerationsrate hinaus verbraucht werden dürfen, dass für nicht erneuerbare Ressourcen frühzeitig gleichwertige Substitute zu finden sind und dass schließlich die Umweltmedien (Böden, Luft, Wasser) nur im Rahmen ihrer Regenerationskapazität mit Emissionen (Abfällen) belastet werden dürfen. Stichwort: „Senkenfunktion“ der Erde. Gestritten wird lediglich darüber, ob der (abnehmende) Stock des Naturkapitals zumindest teilweise durch (zunehmendes) künstliches Kapital wie geschaffene Infrastrukturen ersetzt werden darf. Während die VertreterInnen einer schwachen Nachhaltigkeit dies befürworten, lehnen die VertreterInnen einer starken Nachhaltigkeit diese Gegenrechnung ab. Naturkapital lasse sich nicht durch künstliches Kapital ersetzen, so ihre Überzeugung.

Hinsichtlich sozialer Nachhaltigkeit lässt sich zumindest vom Anspruch her ein Minimalkonsens dahingehend feststellen, dass es allen ErdenbürgerInnen möglich sein müsse, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, was bereits in der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen festgelegt und in zahlreichen nachfolgenden Proklamationen (zuletzt den UN-Millenniums-Zielen) bekräftigt wurde. Darüber hinaus gehende Ziele über eine nachhaltige Verteilungs- und Chancengerechtigkeit sind wiederum interpretationsoffen und von unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellungen abhängig. Soziale Nachhaltigkeit meint somit auch die Gestaltung von Einkommen, die ein Auskommen ermöglichen, Arbeit die nicht nur nährt, sondern auch als sinnvoll erlebt wird, sowie ein Zusammenleben, das von lebendigen Beziehungsnetzwerken getragen wird und sich als Antipode zur sich breitmachenden Fun- und Singelgesellschaft verstanden werden kann.

Wirtschaftliche Nachhaltigkeit würde demnach die Wahl von Wirtschaftsweisen bezeichnen, die die Ziele sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit erreichen lassen. Denn: Wirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern auf Ziele außerhalb seiner selbst gerichtet. Ein Wirtschaftssystem gilt also dann als nachhaltig, wenn es in der Lage ist, die (materiellen) Grundbedürfnisse aller Menschen zu stillen ohne die Grenzen des globalen Ökosystems zu überschreiten und wenn es ein als sinnvoll erfahrenes Leben unterstützt. (HH)